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Adaptiven Unterricht digital gestalten

Iris Backfisch, Leonie Jacob und Christine Plicht
Definition - worum geht’s?

Digitale Medien bieten die Möglichkeit, adaptive und personalisierte Unterrichtsprozesse umzusetzen. Adaptives Unterrichten hat zum Ziel, diese Prozesse inhaltlich wie auch methodisch an die Voraussetzungen (z.B. Vorwissen, generelle kognitive Fähigkeiten, Interesse und Motivation) und Bedürfnisse (z.B. verschiedene didaktische Methoden wie Einzelarbeit, Gruppenarbeit) der Schülerinnen und Schüler anzupassen. Ziel ist es, dass alle Schülerinnen und Schüler sich weiterentwickeln können, ohne dabei unter- oder überfordert zu sein (siehe Gelingensbedingungen für das Unterrichten mit digitalen Medien nach der Theorie der kognitiven Belastung).
Sowohl Überforderung als auch Unterforderung kann das Lernen beeinträchtigen. Die Hauptphasen adaptiven Unterrichts sind daher die Diagnose der Voraussetzungen der Lernenden, die Anpassung des Unterrichtsmaterials an die jeweiligen Voraussetzungen und die Erarbeitung der Inhalte in Arbeitsphasen sowie das gemeinsame Zusammenführen der verschiedenen Arbeitsphasen. Dabei können digitale Medien als Ergänzung und didaktisches Mittel zur Realisierung dieser Prozesse eingesetzt werden. 
Funktionen - was wird ermöglicht / unterstützt?

Digitale Medien bieten beim adaptiven Unterrichten Potentiale in allen drei Hauptphasen adaptiven Unterrichtens. Erstens können digitale Medien zur Diagnose des Wissensstandes oder auch weiterer Rahmenbedingungen (z.B. Interesse) genutzt werden, indem Schülerinnen und Schüler Kurztests beantworten. Diese Diagnose kann sowohl im Klassenverband wie auch individuell stattfinden. In der zweiten Phase werden basierend auf dieser Diagnose des Wissensstandes individuelle Arbeitsphasen von der Lehrperson bereitgestellt. Die Arbeitsphasen können auf der Makro- und Mikroebene adaptiert werden (siehe Abbildung). Die Makroebene umfasst die Adaption des Stoffumfangs und der Schwierigkeit des Arbeitsmaterials. Dabei können die Arbeitsmaterialien gezielt über Learning Management Systeme (z.B. Moodle) bereitgestellt und zugeteilt werden oder auch persönlich an die einzelnen Schülerinnen und Schüler mit File Sharing Systemen (z.B. airdrop, Fileshare, Cloud) verteilt werden. Auf der Mikroebene kann innerhalb der verschiedenen Arbeitsmaterialien der Grad der Unterstützungsmaßnahmen variiert werden. So können sich Schülerinnen und Schüler beispielsweise gezielt über bereitgestellte QR-Codes Erklärvideos anschauen oder auch Feedback durch die Lehrperson einfordern. In der dritten Phase geht es darum, die zuvor erarbeiteten Inhalte zusammenzuführen und einzuordnen. Hierbei können prinzipiell alle generativen Möglichkeiten digitaler Medien eingesetzt werden, wie kollaborative Whiteboards und gemeinsame Erstellung von Schaubildern, aber auch die Erstellung von Erklärvideos, Podcasts oder Vertonung gegebener Schaubilder durch die Schülerinnen und Schüler sind denkbar.
 
Abb.: Schematische Darstellung der Adaptionsmöglichkeiten innerhalb des adaptiven Unterrichts (nach Lachner & Scheiter, 2020).
Gelingensbedingungen für die erfolgreiche Umsetzung - wann funktioniert’s und wann nicht?

Adaptives Unterrichten mit digitalen Medien als Gesamtkonzept birgt einige Herausforderungen, aber auch große Chancen. Herausforderungen können vor allem in der Vorbereitung liegen, die relativ aufwändig werden kann, da verschiedene Diagnoseinstrumente und Unterrichtsmaterialien vorbereitet werden sollten.  Jedoch kann dies in unterschiedlichem Ausmaß stattfinden und von den Lehrpersonen individuell gestaltet werden. Zudem kann auf bereits erstellte Diagnoseinstrumente zurückgegriffen werden, die innerhalb verschiedener Anwendungen zur Verfügung stehen (z.B. quizlet, kahoot, oder auch fachspezifische Seiten wie GeoGebra). 

Eine erfolgreiche Umsetzung adaptiven Unterrichts hängt sehr stark von der Qualität der Diagnose ab, das heißt von der Passung der Diagnose zu den Unterrichtszielen, zu den konkreten Arbeitsmaterialien wie auch zu dem weiteren Unterrichtsverlauf. Daher ist es wichtig, sich im Vorhinein Gedanken zu machen, welche Diagnose angewendet werden soll (Selbsteinschätzung, Wissenstest, Interessenabfrage), wie diese abgefragt wird (im individuellen oder Gruppen-Quiz, im Klassenverband mittels Audience Response Systemen mit der Darstellung aller Antworten oder nur mit individueller Rückmeldung) und welche Konsequenzen daraus folgen sollen (Anpassung des Schwierigkeitsgrades der Aufgabe, des Umfangs der Hilfestellung, der Bearbeitungsdauer etc.).
Beispiele

Eine einfache Umsetzung wäre beispielsweise die digitalisierte Abfrage des Wissensstandes auf Grundlage bereits vorhandener Aufgaben und darauf basierend eine Zuteilung zu Unterrichtsmaterial in drei verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Für die benötigte zusätzliche Hilfestellung kann auf bereits vorhandene Erklärvideos und Materialien bspw. des Landesbildungsservers zurückgegriffen werden.

Anspruchsvollere Umsetzungen umfassen alle Phasen adaptiven Unterrichtens mit mehreren Diagnosephasen und individuellen Anpassungen an die jeweiligen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler. Diese Phasen können sich auch über eine gesamte adaptive Unterrichtseinheit erstrecken (für ein good-practice Beispiel in Mathematik siehe hier).

Lernpfade stellen eine Verknüpfung und Gesamtorchestrierung von Diagnose, Hilfestellung und Aufgabenmaterial dar. So wird den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, die Aufgaben in ihrem eigenen Tempo durchzuführen. Eine Umsetzung ist bei den meisten Lernmanagementsystemen möglich.


Tools

Tools zur formativen Diagnose: Gibt es innerhalb der meisten Lernmanagementsysteme (Moodle, itslearning), zudem können weitere tools genutzt werden, wie 
  1. Tools zur individuellen Zuteilung von Unterrichtsmaterialien: Auch hier können Lernmanagementsysteme genutzt werden oder geräteinterne Anwendungen, wie airdrop (Apple Geräte), AndroidFileTransfer (Android Geräte) oder Shareit (geräteübergreifend).
  2. Tools zur Ergebnissicherung: Hier eignen sich alle generativen Anwendungen, in denen sowohl Schülerinnen und Schüler  Inhalte (in Kleingruppen) zusammenstellen können wie auch die Lehrperson im Klassenverband Inhalte zusammentragen kann.
Literatur - Evidenz

Acee, T. W., Kim, H., Kim, H. J., Kim, J. I., Chu, H. N. R., Kim, M., Cho, Y., Wicker, F. W., & Boredom Research Group. (2010). Academic boredom in under-and over-challenging situations. Contemporary Educational Psychology, 35(1), 17-27.

Bohl, T. (2017). Umgang mit Heterogenität im Unterricht. Forschungsbefunde und didaktische Implikationen. In T. Bohl, J. Budde & M. Rieger-Ladich (Hrsg.): Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht (257-273). Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.

Lachner, A. & Scheiter, K. (2020). Digitale Medien zur Realisierung adaptiven Unterrichts. In S. Aufenanger, B. Eickelmann, A. Feindt, & A.-M. Kamin (Hrsg.), #schuleDIGITAL: Friedrich Jahresheft 2020 (110-111). Seelze: Friedrich Verlag.

Lohrmann, K. (2008). Langeweile im Unterricht. Münster: Waxmann.

Zitiervorschlag:

Backfisch, I., Jacob, L., & Plicht, C. (2020, April). Adaptiven Unterricht digital gestalten. In Digitalisierung in der Lehrerbildung Tübingen (TüDiLB) (Hrsg.), Evidenzbasierte Hinweise zum Einsatz digitaler Medien im Lehr-Lernkontext.
Inhaltlich aktualisiert am 18.05.2020

Last edited: 28. May 2020, 14:37, [i.backfisch]


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