Öffentliche ILIAS Plattform
  • Anmelden

Brotkrumen-Navigation

Reiter

Lesen und Schreiben am Bildschirm

Kathrina Scheiter
Definition - worum geht’s?

Lesen und Schreiben spielen im Kontext von Unterricht eine zentrale Rolle. Lesen ist neben der Rezeption audiovisueller Medien eine zentrale Methode, mit der sich Schülerinnen und Schüler fachliches Wissen erschließen. Schreiben dient der Konsolidierung der Unterrichtsinhalte durch das Anfertigen von Notizen und Mitschriften und ist darüber hinaus Bestandteil vieler schulischer Aufgabenstellungen (z.B. Essays schreiben, Begründungen für Lösungswege dokumentieren). Wie wirkt sich die Verlagerung dieser Prozesse auf ein digitales Medium wie z.B. einen Tabletcomputer aus? Um diese Frage für das Lesen zu beantworten, ist es wichtig, den Geltungsbereich der Aussagen etwas weiter einzugrenzen. Erklärende fachliche Texte z.B in (digitalen) Schulbüchern beinhalten heutzutage eine Vielzahl unterschiedlicher Darstellungsformen zusätzlich zum Text (z.B. Tabellen, Diagramme, Bilder, Animationen). Diese multimedialen Lernmaterialien können den Verstehensprozess sehr gut unterstützen - im Vergleich zu einer reinen textuellen Darstellung. Es geht im Folgenden nicht um solche multimedialen Angebote, sondern um das Lesen längerer, erklärender Texte, die weitestgehend ohne andere, bildhafte Darstellungsformate bereitgestellt werden.
Gelingensbedingungen für den erfolgreichen Einsatz - wann funktioniert’s und wann nicht?
In der sogenannten Stavanger-Erklärung haben sich fast 200 Leseforscher und -forscherinnen zu den Folgen digitalen Lesens positioniert. Die Aussagen beruhen auf 54 Einzelstudien mit über 170.000 Teilnehmenden. Zum einen wird festgehalten, dass das Lesen auf einem digitalen Medium zahlreiche Möglichkeiten bietet, Texte an die individuellen Voraussetzungen der Leserinnen und Leser anzupassen (z.B. durch Glossare, Verlinkungen mit anderen Informationsquellen). Aber gerade für Texte, die diese Möglichkeiten nicht bieten, zeigt sich, dass das Textverständnis beim Lesen am Bildschirm beeinträchtigt ist. Insbesondere unter Zeitdruck neigen Personen dazu, digitale Texte nur flüchtig zu lesen, indem sie Textteile überspringen. Außerdem überschätzen sie ihr eigenes Verständnis des Textes, was dazu führen kann, dass sie keine hinreichende Anstrengung investieren, den Text zu hinterfragen und seine Aussagen mit dem eigenen Vorwissen in Bezug zu setzen. Sollen lange Informationstexte am Bildschirm gelesen werden, so muss daher durch geeignete Zusatzaufgaben (z.B. Fragen an den Text, Aufforderungen zur Anfertigung weiterer Repräsentationen wie einer Zeichnung, die den Textinhalt darstellt) sichergestellt werden, dass dieser gründlich verarbeitet und verstanden wurde. Für narrative Texte wie z.B. Romane ist der Leseprozess durch eine Bildschirmdarbietung übrigens nicht beeinträchtigt. 

Für das Schreiben am Computer zeigen einzelne Metaanalysen, dass insbesondere beim Erwerb von Schreibkompetenzen handschriftliches Schreiben positive Effekte gegenüber dem Schreiben am Computer hat. Dieser ursprüngliche Vorteil handschriftlichen Schreibens verschwindet jedoch mit zunehmender Schreiberfahrung. Zudem bietet das Schreiben am Computer mit sogenannten Texteditoren (z.B. Word, OpenOffice) diverse technische Funktionalitäten, die das Schreiben unterstützen können. Es wird eine automatische Überprüfung der Rechtschreibung und Grammatik mit entsprechenden Korrekturempfehlungen angeboten, digitale Texte können einfach und schnell überarbeitet werden und es gibt zusätzlich eine Reihe von Layoutoptionen, die die Textstruktur sichtbar machen. Metaanalysen konnten zeigen, dass die Nutzung solcher Texteditoren sich positiv auf die Schreibkompetenzen auch bei jüngeren Schülerinnen und Schülern auswirkt. Zudem bieten aktuelle Editoren die Möglichkeit, kollaborativ an Texten zu arbeiten. Die Externalisierung des Wissens wird also vielfältig unterstützt - wie aber sieht es mit der Internalisierung des Wissens aus? Welche Auswirkungen hat das Schreiben am Computer darauf, wie gut wir uns Inhalte merken können? Mueller und Oppenheimer (2014) konnten in drei Studien mit Studierenden zeigen, dass diese konzeptuelle Fragen zu den Inhalten einer videobasierten Online-Vorlesung schlechter beantworten konnten, nachdem sie ihre Notizen zur Vorlesung am Laptop und nicht handschriftlich angefertigt hatten. Allerdings zeigten sich nur schwache Unterschiede, die in anderen Studien nicht wiederholt gezeigt werden konnten (siehe Morehead, Dunlosky, & Rawson, 2019). Inwieweit diese Ergebnisse auch für Präsenzvorlesungen bzw. für den schulischen Unterricht gültig sind, ist zudem noch nicht geklärt. 

Erklärungen für die möglichen Nachteile computerbasierter Notizen bestehen zum einen darin, dass Lernende während der Vorlesung durch die Nutzung eines Laptops auch Zugriff auf nicht-vorlesungsbezogene digitale Inhalte (Social Media-Anwendungen, Email etc.) erhalten, die ablenkend wirken können. Zum anderen verzichten Lernende möglicherweise auf die Revision ihrer digitalen Notizen - d.h. sie prüfen diese nicht auf Vollständigkeit und Korrektheit, machen keine Ergänzungen, Hervorhebungen und Restrukturierungen etc.. Gerade solche Revisionen haben sich in Untersuchungen zur Lernförderlichkeit von Notizen jedoch als nützlich erwiesen. 

Grundsätzlich sollten Schülerinnen und Schüler angeregt werden, Notizen anzufertigen und diese aber auch zu revidieren. Wird ein digitales Gerät während des Unterrichts auch für Notizen genutzt, müssen klare Regeln für dessen unterrichtsbezogene Nutzung vereinbart werden. Gezielte Notizen-bezogene Aufgabenstellungen (z.B. kollaborative Diskussion und Aufbereitung mit einem Lernpartner) können eine vertiefte (Weiter-)Verarbeitung der Notizen anregen und so ihren Nutzen steigern.
Literatur - Evidenz

Graham, S., & Perin, D. (2007). A meta-analysis of writing instruction for adolescent students. Journal of educational psychology, 99(3), 445.

Luo, L., Kiewra, K. A. & Samuelson, L. (2016). Revising lecture notes: how revision, pauses, and partners affect note taking and achievement. Instructional Science, 44, 45–67. https://doi.org/10.1007/s11251-016-9370-4

Mueller, P. A. & Oppenheimer, D. M. (2014). The pen Is mightier than the keyboard: Advantages of longhand over laptop note taking. Psychological Science, 25, 1159-1168. https://doi.org/10.1177/0956797614524581

Ravizza, S. M., Uitvlugt, M. G., & Fenn, K. M. (2017). Logged in and zoned out: How laptop Internet use relates to classroom learning. Psychological Science, 28, 171–180. https://doi.org/10.1177/0956797616677314

Stavanger-Erklärung:
https://ereadcost.eu/wp-content/uploads/2019/01/StavangerDeclaration.pdf

Wollscheid, S., Sjaastad, J., & Tømte, C. (2016). The impact of digital devices vs. Pen (cil) and paper on primary school students' writing skills–A research review. Computers & Education, 95, 19-35.

Zitiervorschlag:

Scheiter, K. (2020, April). Lesen und Schreiben am Bildschirm. In Digitalisierung in der Lehrerbildung Tübingen (TüDiLB) (Hrsg.), Evidenzbasierte Hinweise zum Einsatz digitaler Medien im Lehr-Lernkontext.
Inhaltlich aktualisiert am 18.05.2020

Zuletzt geändert: 19. Mai 2020, 14:43, [a.stephan]


Suche (Block)

Wiki-Funktionen (Block)

Info

Letzte Änderungen