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Klassen- und Gruppengespräche mit digitalen Medien

Ulrike Franke
Definition - worum geht’s?
Klassen- und Gruppengespräche sind ein wichtiger Bestandteil von Unterricht. Die Schülerinnen und Schüler besprechen untereinander oder gemeinsam mit der Lehrperson zum Beispiel einen gemeinsam gelesenen Text, tauschen sich regelmäßig über Inhalte aus, denken gemeinsam über Lösungen für Problemstellungen nach oder diskutieren über Lerninhalte. Der kommunikative Wissensaustausch innerhalb von Gruppen kann dabei sowohl asynchron (orts- und zeitversetzt) als auch synchron (orts- und zeitgleich) stattfinden. Digitale Medien können dabei unterschiedlich eingesetzt werden. Der Wissensaustausch zwischen Gruppenmitgliedern kann beispielsweise über Online-Diskussionsforen, Chats, Videokonferenztools, Lernplattformen (Content-Management-Systeme) oder Visualisierungswerkzeuge, wie etwa Screen Sharing (z. B. teamviewer) realisiert werden.
Funktionen für das Lernen - was wird ermöglicht / unterstützt?

Der (digitale) Wissensaustausch innerhalb von Lerngruppen führt nicht per se zu einem besseren Lernergebnis. Dennoch konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass das Lernen in Gruppen im Vergleich zum individuellen Lernen einen kleinen aber positiven Effekt auf das Lernergebnis der einzelnen Gruppenmitglieder hat. Auch im Hinblick auf die Motivation der Lernenden, deren Einstellung und Verhalten in der Gruppe sowie auf die Fähigkeit der gegenseitigen Perspektivübernahme haben Klassen- und Gruppengespräche bzw. Gruppenarbeiten eine positive Wirkung. Bezogen auf die unterschiedliche Art und Weise, wie Informationen über den Lerninhalt von einzelnen Gruppenmitgliedern im sprachlichen Austausch mit anderen Gruppenmitgliedern vermittelt werden, wird angenommen, dass insbesondere durch das Lösen kognitiver Konflikte bei Gruppenarbeiten eine vertiefte Informationsverarbeitung (Elaboration, vgl. Gruppenarbeiten mit digitalen Medien) bei den Lernenden stattfindet.
 
Darüber hinaus wird angenommen, dass auch durch den Dialog mit erfahrenen Gruppenmitgliedern, die die Lerninhalte bereits kennen und sprachlich besser vermitteln (modellieren) können, der Wissensaustausch innerhalb von Gruppen begünstigt wird. Digitale Medien können Klassen- und Gruppengespräche beispielsweise durch die Verwendung von Online-Foren, Chats, Threads oder Lernplattformen über zeitliche und räumliche Distanzen hinweg unterstützen. Informationen (z. B. in Sprachnachrichten), die somit gewissermaßen asynchron ausgetauscht werden, bleiben für den Empfänger über einen längeren Zeitraum gespeichert und können bei Bedarf erneut rezipiert werden. Die Regulation des Wissensaustauschs innerhalb von Gruppen durch digitale Medien kann auch dazu beitragen, dass alle Gruppenmitglieder gleichermaßen am Lernprozess beteiligt werden, insbesondere dann, wenn beispielsweise Informationen zum sozialen Status wegfallen. Häufig sogar ermöglichen digitale Medien lernförderliche Interaktionen, die in analogen Face-to-Face-Interaktionen weniger vorkommen, wie zum Beispiel das Austauschen von Argumenten (z. B. argument maps).  Darüber hinaus begünstigen Aktivitäten, wie das sich gegenseitige Erklären von Sachverhalten, etwa durch das gemeinsame Erstellen eines Erklärvideos oder die Arbeit an einem gemeinsamen Wiki, auch den Wissenserwerb von Gruppenmitgliedern. 
 
Gelingensbedingungen für den erfolgreichen Einsatz - wann funktioniert’s und wann nicht?
Wichtig bei Klassen- und Gruppengesprächen ist, dass Schülerinnen und Schüler bei der Interaktion innerhalb der Gruppe sowohl technisch als auch didaktisch unterstützt werden. Die gewählte technologische Lösung kann dabei sowohl recht einfach gestaltet sein (z. B. durch einen Online-Chat) als auch anspruchsvollere Formen annehmen, wie etwa die Umsetzung eines Gruppenpuzzle über eine Lernplattform (siehe auch Beispiele).
 
Damit das Lernen in Gruppen erfolgreich verlaufen kann, müssen zudem auf Seiten der Gruppenmitglieder als auch auf Seiten der Lehrperson bestimmte personale als auch instruktionale Bedingungen gegeben sein. Das in diesem Zusammenhang häufig zitierte “Trittbrettfahrerphänomen” (“free rider effect” oder auch “T-E-A-M: Toll-Ein-Anderer-Macht's”) ist hierbei bezeichnend für eine eher ungünstige Ausgangslage für die Lernmotivation auf Seiten der Gruppenmitglieder. Es ist dadurch gekennzeichnet, dass einzelne Gruppenmitglieder sich deutlich weniger aktiv am Wissensaustausch innerhalb der Gruppe beteiligen, und dadurch andere Gruppenmitglieder einen unverhältnismäßig größeren Beitrag zum Lernergebnis der Gruppe zu leisten haben. Lehrende können hier gegensteuern, indem sie nicht nur Einfluss nehmen auf die Gruppenbildung bzw. die Leistungszusammensetzung der Gruppe, sondern auch auf die Bewertung der Gruppenleistung (und nicht auf Einzelleistungen), beispielsweise durch die Vergabe individueller Verantwortlichkeiten für den Gruppenlernerfolg oder einer Gruppenbelohnung (Stichwort: Gamification).
 
Wichtig ist allerdings auch, dass die Gruppenarbeiten in einem didaktisch wohldurchdachten Gesamtkonzept eingebettet sind. Dazu gehört einerseits, dass die zu bearbeitende Aufgabenstellung eine “echte” Gruppenaufgabe darstellt. Eine solche Aufgabenstellung zeichnet sich dadurch aus, dass alle Gruppenmitglieder ihren Beitrag (z. B. Wissen, Materialien, Ressourcen) leisten müssen, damit die Gruppenaufgabe erfolgreich bearbeitet werden kann. Andererseits bedarf es einer instruktionalen Strukturierung der Klassen- und Gruppengespräche. So können unterschiedliche Gruppenlernphasen (z. B. Einstiegsphase, Aneignungsphase, Reflexionsphase) sowie Lernziele, bestimmte Lernaktivitäten, Rollenverteilungen innerhalb der Gruppe und Reihenfolgen von Teilaufgaben festgelegt werden. Solche “Kollaborations- oder Kooperationsskripts” lassen sich durch den Einsatz digitaler Medien recht unkompliziert realisieren – etwa durch Hinweise und Lernaufforderungen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt während einer Gruppenlernphase auf der Benutzeroberfläche eines Online-Diskussionsforums oder einer onlinebasierten Lernaufgabe angezeigt werden. Auch gemeinsam genutzte Visualisierungstools (z. B. Etherpad oder Padlet) können zur Strukturierung von Gruppenarbeiten beitragen. 
Beispiele

Einfache Umsetzungen von  Klassen- und Gruppengespräche bzw. von Wissensaustausch beim Lernen mit Gruppen lassen sich mit einfachen Kommunikationstools, wie etwa Videokonferenztools bewerkstelligen. Inhalte können via Screen Sharing geteilt und vermittelt werden. In separaten Chats können einzelne Gruppenmitglieder Teilaufgaben besprechen bzw. bearbeiten. Je nach Anbieter sind bei entsprechenden Videokonferenztools whiteboard-Funktionen inkludiert und es können Subgruppen-Videokonferenzen generiert werden. 

Anspruchsvollere Umsetzungen lassen sich über Online-Lernplattformen realisieren – etwa in der Art eines Webquests, bei dem unterschiedliche Teilaufgaben nacheinander und von verschiedenen Gruppenmitgliedern bearbeitet werden. Die instruktionale Strukturierung der Gruppeninteraktion kann hier u. a. dadurch umgesetzt werden, dass Lern(teil)aufgaben automatisch “gesperrt” sind bzw. erst unter bestimmten Bedingungen “entsperrt” werden, um die Gruppenmitglieder anzuregen, konkrete Lernaktivitäten aufzunehmen.

Weitere Informationen zum Thema Kollaboratives Lernen mit digitalen Medien finden sich im Video:
        
 
Tools

Tools zum computergestützten kollaborativen Lernen - Wissensaustausch: Microsoft Teams

Videokonferenztools inkl.Features, wie Whiteboard-Funktionen: Zoom, AdobeConnect, Slido

Geteilte Arbeitsdokumente: Etherpad, Padlet

Austausch über Lernplattformen: ILIAS, Moodle, itslearning
Literatur - Evidenz

Radkowitsch, A., Vogel, F. & Fischer, F. Good for learning, bad for motivation? A meta-analysis on the effects of computer-supported collaboration scripts. Intern. J. Comput.-Support. Collab. Learn (2020). https://doi.org/10.1007/s11412-020-09316-4

Wecker, C., & Fischer, F. (2014). Lernen in Gruppen. In T. Seidel & A. Krapp (Hrsg.), Pädagogische Psychologie (S. 277-296). Beltz.

Wecker, C. & Stegmann, K. (2019). Medien im Unterricht. In D. Urhahne, M. Dresel & F. Fischer (Hrsg.), Psychologie für den Lehrberuf (S. 373-393). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-55754-9_19
Inhaltlich aktualisiert am 10.05.2020

Zuletzt geändert: 19. Mai 2020, 16:09, [a.stephan]