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Chancen und Herausforderungen für Lehrkräfte und Lernende

Andreas Lachner
Digitalisierung ist im Alltag und in der Arbeitswelt allgegenwärtig. Zunehmend sind digitale Medien auch im Bildungskontext nicht mehr wegzudenken. Digitalisierung wird allgemein als ein Wandlungsprozess verstanden, in dem digitale Medien und Technologien bisherige analoge Lehr-Lernprozesse ergänzen und neue Möglichkeiten bezüglich der Realisierung von Unterricht erlauben.
Neben diesen Potentialen birgt die zunehmende Digitalisierung aber auch gesellschaftliche Herausforderungen, welche unter anderem durch eine umfassende Medienbildung von Schülerinnen und Schülern adressiert werden können. Der Institution Schule wird hierbei die zentrale Rolle zugeschrieben, nachhaltige Medienbildungsprozesse bei Schülerinnen und Schülern anzuregen, um diese auf eine sich ständig ändernde digitalisierte Welt vorzubereiten. Hierzu müssen Schülerinnen und Schüler darauf vorbereitet werden mit digitalen Medien produktiv zu lernen (Lernen mit Medien). Weiterhin müssen Lernende Wissen über digitale Medien erwerben, um deren Mediennutzung kritisch zu reflektieren (Lernen über Medien). 

Um diese Ziele zu erreichen, wird dem didaktisch sinnvollen Einsatz digitaler Medien eine hohe Priorität zugeschrieben. Digitale Medien dienen dabei als didaktische Werkzeuge, um fachspezifische oder medienbezogene Lehr-Lernprozesse anzuregen und zu unterstützen. Die Lehr-Lernforschung hat vor diesem Hintergrund seit den 1960er Jahren maßgeblich zu einem besseren Verständnis der zugrundeliegenden kognitiven und motivationalen Prozesse beim Lernen mit digitalen Medien beigetragen. Zu Beginn fokussierten Forschungsarbeiten die Frage, ob digitale Lernmedien zu einem höheren Lernerfolg als analoge (papierbasierte) Formate beitragen können. Diese Ausgangsfrage wurde in zahlreichen Metaanalysen untersucht, in denen Studien über solche “Medienvergleiche” zusammengefasst wurden. Die Ergebnisse dieser Metaanalysen zeigen jedoch, dass digitale Lernmedien übergreifend – wenn überhaupt – nur einen kleinen positiven Effekt hinsichtlich der Lernleistungen von Schülerinnen und Schülern gegenüber analogen Zugängen aufweisen. Daher wurden und werden diese Medienvergleiche zunehmend kritisiert, da sich diese vor allem auf die technische Umsetzung (‘Buch vs. Computer’) und entsprechend auf die Funktion digitaler Medien als reine Informationsträger konzentrieren.
  
Aus der Sicht der Lehr-Lernforschung ist aber eher zu fragen, wie digitale Medien dazu beitragen können, spezifische Lernprozesse bei Schülerinnen und Schülern anzuregen, zu erleichtern oder zu ermöglichen. Für die Gestaltung des Unterrichts steht daher im Vordergrund, wie bisherige didaktische Vorgehensweisen sinnvoll durch digitale Medien angereichert werden können, sowie welche neuen didaktischen Möglichkeiten sich durch den Einsatz digitaler Medien ergeben

Daher orientiert sich die moderne Lehr-Lernforschung stark an der empirischen Identifizierung von Potentialen digitaler Medien zur Etablierung neuer Lehr-Lernarrangements, welche ohne die Nutzung digitaler Medien nicht oder nur mit unverhältnismäßigem Aufwand realisierbar wären sowie an der Beforschung von deren Gelingens- und Grenzbedingungen.
Potentiale digitaler Medien für das Lehren und Lernen
  
Präsentation von Inhalten. Ein Vorteil digitaler Medien bezieht sich  auf die reichhaltigen Möglichkeiten bei der  Präsentation von Inhalten. So lassen sich in sogenannten Multimediaanwendungen verbale und bildhafte Repräsentationsformate kombinieren, die über verschiedene Sinneskanäle verarbeitet werden.
Multimediale Lernumgebungen haben sich in der Lehr-Lernforschung als lernförderlicher im Vergleich zu monomedialen Lernmaterialen  erwiesen - vorausgesetzt, sie sind so gestaltet, dass sie die Lernvoraussetzungen wie beispielsweise das fachliche und technische Vorwissen  der Schülerinnen und Schüler berücksichtigen (vgl. Gelingensbedingungen für das fachliche Lernen mit digitalen Medien).
   
Neuere Technologien erlauben zudem, solche Inhalte stärker in authentische und dynamische Kontexte einzubetten. In angereicherten Realitäten (engl. augmented Realities, AR) werden beispielsweise reale Umgebungen durch die Einblendung digitaler Inhalte wie Visualisierungen oder textbasierter Informationen computergestützt ergänzt.
Darüber hinaus erlauben sie oftmals eine dynamische Manipulation der vorhandenen digitalen Inhalte.
   

  
Generieren von Inhalten. Neben der Präsentation von Inhalten ermöglichen unter anderem so genannte Web 2.0-Technologien die eigene Erstellung von Inhalten. Zum Beispiel können Schülerinnen und Schüler mit geeigneten Applikationen, die das Erstellen multimedialer Inhalte erlauben, eigene Texte bzw. verlinkte Textsammlungen (z.B. Wikipedia-Einträge) oder auch eigene Erklärvideos produzieren. Die Erstellung solcher Erklärvideos ermöglicht es, die bisherigen Unterrichtsinhalte zu konsolidieren sowie konstruktive Lernprozesse bei Schülerinnen und Schülern anzuregen. 
Personalisierung von Lerngelegenheiten. Digitale Medien eröffnen die Möglichkeit für Schülerinnen und Schüler, sich aus einem reichhaltigen Informationsangebot, je nach Interesse, Lernziel oder anderer Präferenzen, eigene Inhalte auszuwählen und zu nutzen. Insbesondere das Lernen im Internet ermöglicht den Zugriff auf Informationen aus unterschiedlichen Quellen, die z.B. auch divergierende Positionen zu einem Thema illustrieren können. Die Nutzung dieses breit gefächerten Informationsangebots bietet so umfassende Gelegenheiten zum selbstregulierten Lernen und zur Anpassung der Lerngelegenheiten an die eigene Person.  
Adaptive Unterstützung. Neben der Darstellung und Generierung von Inhalten weisen digitale Medien die Möglichkeit auf, angepasste (d.h. adaptive) Unterstützungsangebote für Schülerinnen und Schüler bereitzustellen. Zum einen erlauben sie die effiziente computergestützte Erfassung des aktuellen Wissenstands zu einem Thema, welcher an die Lehrperson zurückgemeldet werden kann, so dass diese den Unterricht entsprechend danach ausrichten kann. Auf diese Weise unterstützen digitale Medien Diagnoseprozesse von Lehrpersonen als Basis adaptiven Unterrichts. Zum anderen können mittels digitaler Medien auch adaptive Lernaufgaben bereitgestellt werden, so dass Schülerinnen und Schüler an ihren aktuellen Kenntnisstand angepasste Lern- und Übungsgelegenheiten erhalten.
Soziale und situative Vernetzung. Digitale Medien ermöglichen kollaboratives und vernetztes Lernen, indem sich Schülerinnen und Schüler orts- und zeitunabhängig miteinander vernetzen und über Lerninhalte austauschen oder gemeinsam Wissen konstruieren. Darüber hinaus können digitale Medien genutzt werden, Lernprozesse über verschiedene situative Kontexte hinweg zu verknüpfen, indem außerschulische Lernorte in den schulischen Lernkontext eingebunden werden. Beispielsweise  können digitale Materialangebote eines Museums für die Vorbereitung einer Exkursion im Unterricht genutzt werden oder die Aufzeichnung digitaler Artefakte an einem außerschulischen Lernort die Nachbereitung der Exkursion ermöglichen.
Zitiervorschlag:

Herausforderungen für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler. In Digitalisierung in der Lehrerbildung Tübingen (TüDiLB) (Hrsg.), Evidenzbasierte Hinweise zum Einsatz digitaler Medien im Lehr-Lernkontext.
Inhaltlich aktualisiert am 18.05.2020

Zuletzt geändert: 19. Mai 2020, 14:33, [a.stephan]


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